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Bildungsgeschichte in (ehemaligen) Montanregionen

Das Ruhrgebiet stellte über lange Phasen seiner jüngeren Geschichte die wichtigste europäische Montanregion dar. Zugleich galt es über lange als stark bildungsferne Region, weil ihm Einrichtungen der „höheren“ Bildung vollständig fehlten (Universitäten) oder nur spärlich vorhanden waren (Gymnasien). Seit den 1960er Jahren, parallel zum fortschreitenden Rückbau der Montanindustrie, hat sich das Ruhrgebiet zu einer der differenziertesten und dichtesten Bildungslandschaften in der Bundesrepublik Deutschland entwickelt; die Förderung und Etablierung von Bildung und Wissenschaft war und ist ein zentraler Bestandteil des regionalen Strukturwandels. Zudem ist die Montanindustrie selbst ein wesentlicher Akteur dieses regionalen Strukturwandels zur Wissens- und Bildungsregion.

Vor diesem Hintergrund fördert das Stipendienprogramm Qualifikationsarbeiten, die einen Beitrag zu den folgenden Themen- und Fragekomplexen leisten:

Erstens stellt sich die Frage, ob und wie bildungsfern Montanregionen in ihrer wirtschaftlichen Blüte tatsächlich waren. Welche bildungspolitischen Initiativen gingen von den Akteuren der Montanwirtschaft (Unternehmen, Gewerkschaften, Gemeinschaftsorganisationen, staatliche Bergbauverwaltung) aus? Wie entwickelte sich die Bedeutung schulischer, beruflicher oder akademischer Bildung innerhalb der Montanwirtschaft? Wie verhielt sich die Montanwirtschaft zur Bildungspolitik außerhalb des eigenen Sektors? Welche Ziele und Motivationen bergbaulicher Bildungspolitik lassen sich erkennen?

Zweitens ist die Bedeutung von Bildung und Bildungspolitik für den Strukturwandel in (ehemaligen) Montanregionen zu untersuchen. Auch ist die Akteursrolle der Montanwirtschaft im Strukturwandel zur Bildungsregion in den Blick zu nehmen.

Drittens stellt sich in vergleichender Perspektive die Frage, ob sich bestimmte Muster der Bildungs- und Wissensgeschichte in deutschen und europäischen Montanregionen zeigen. Entspricht der Weg des Ruhrgebiets von der bildungsfernen Industrielandschaft zur Bildungs- und Wissensregion einem Muster, das sich auch in anderen europäischen Montanregionen identifizieren lässt? Ist Bildung ein Schlüsselelement für einen erfolgreichen Strukturwandel?

Zurzeit werden in dem Programm ein Postdoc- und zwei Dissertationsprojekte gefördert:

Sara-Marie Demiriz: „Bildung und Migration im Ruhrgebiet 1950 bis 2000“ (Postdoc)

Anne Friederike Otto: „Schule und Demokratie im Ruhrgebiet in der Zwischenkriegszeit“ 

Jan Kellershohn: „Die Struktur des „Strukturwandels“. Regionen des Postindustriellen als Prismen der Wissensökonomie“