Dissertationsprojekt von Alrun Berger

Friedensbewegung und Marxismus? Die Beispiele Westdeutschland und Großbritannien. Ein Längsschnitt durch den Kalten Krieg

Die bundesdeutsche und westeuropäische Friedensbewegung führt auch in der Historisierung nach wie vor zu Polarisierungen, wie erst jüngst in einer Sektion zur „Friedensbewegung in der geschichtswissenschaftlichen Kontroverse“ auf dem 50. Deutschen Historikertag wieder deutlich wurde. Im Zuge der Erforschung der westeuropäischen Friedensbewegungen der 1980er Jahre bildeten sich zwei geschichtswissenschaftliche Lager: während die eine Seite auf verschiedene Fernlenkungsversuche und -maßnahmen Moskaus abhebt, besteht die andere Seite darauf, dass sich die Friedensbewegung größtenteils nicht habe instrumentalisieren lassen. Trotz dieser beiden Forschungsrichtungen, die mit unterschiedlicher Intensität und auf unterschiedliche Art und Weise um versuchte sowjetische Einflussnahmen kreisen, blieben Einblicke darüber, wie es tatsächlich um den Einfluss marxistischen Gedankenguts innerhalb jener westlichen Friedensbewegungen bestellt war, bislang aus. An dieser Stelle setzt das Dissertationsvorhaben an und versteht sich insofern als neuer, „dritter Weg“ zwischen den angedeuteten „Lagern“ der Friedensbewegungsforschung.
Anders als in der jungen Bundesrepublik, wo der Antikommunismus das zentrale Legitimationsmuster für das politische System der Zeit lieferte, war der Umgang mit dem Marxismus in Großbritannien, Geburtsland der First New Left, ein anderer, schienen spezifisch westliche marxistische Geschichtskulturen die besseren Ausgangsbedingungen zu vorzufinden. Überdies tätigte die bundesdeutsche Friedensbewegung bekanntermaßen bereits ab den beginnenden 1960ern Jahren etwa mit der Aktionsform der Ostermärsche gezielte Anleihen bei der britischen Campaign for Nuclear Disarmament (CND), dessen Vertreter wiederum eng mit der First New Left um Edward P. Thompson verbunden waren. So macht sich das Vorhaben – angelegt als transnational vergleichende Untersuchung der Friedensbewegungen Großbritanniens und Westdeutschlands – zur Aufgabe, das tatsächlich vorhandene marxistische Gedankengut innerhalb beider Bewegungen aufzudecken, seine Wirkungsmechanismen und Wechselwirkungen nachzuzeichnen und sozial- und kulturgeschichtlich einzuordnen. Um dabei einen Überblick sämtlicher in beiden Bewegungen befindlichen marxistischen Geschichtskulturen inklusive ihrer Wandlungsprozesse und Kontinuitäten im Spiegel der sich verändernden politischen und sozialen Rahmenbedingungen zu liefern, nimmt das Vorhaben zum einen – anders als die meisten vorausgegangenen Studien zum Thema Friedensbewegung – alle relevanten Teiletappen der britischen und westdeutschen Bewegung ab den ausgehenden 1950er Jahren bis hinein in die 1980er Jahre in den Blick. Zum anderen wird ein entsprechend breiter Marxismusbegriff zugrunde gelegt, der der großen Bandbreite marxistischer Geschichtskulturen in Westeuropa zur Zeit des Kalten Krieges Rechnung trägt.
Insofern versteht sich das Vorhaben nicht nur als Erweiterung auf dem Feld der Friedensbewegungsforschung, sondern verspricht zugleich einen Teil der bestehenden Forschungslücke zu den marxistischen Einflüssen und ihren genauen Wirkungsmechanismen im Hinblick auf Entstehung, Verankerung, Transformation und Verlauf sozialer Bewegungen im Westen zur Zeit des Kalten Krieges zu schließen und damit gleichzeitig einen Beitrag zur ideen- und gesellschaftsgeschichtlichen Wirkungsgeschichte des Marxismus in seinen breitgefächerten Variationen im 19. und 20. Jahrhundert insgesamt zu leisten.

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Alrun Berger